Über die deutsch-russischen Beziehungen
Mittwoch, 4. November 2026 von Adelinde |
Thomas Engelhardt
gibt hier einen „Ausschnitt aus der umfassenden und vielschichtigen deutsch-russischen Geschichte“:
Der nachstehende Exkurs kann nur einen Ausschnitt aus der umfassenden und viel-schichtigen deutsch-russischen Geschichte darstellen. Grundsätzlich verwiesen sei auf die veröffentlichte Literatur. (1*)
Die mehr als 1.000-jährige Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine der facettenreichsten und zugleich tragischsten Partnerschaften des europäischen Kontinents.
Sie bewegt sich seit dem Mittelalter in einem ständigen Wechsel aus kultureller Bewunde-rung, dynastischer Verflechtung, wirtschaft-licher Kooperation, ebenso aber auch ver-heerenden Kriegen.
Die deutsch-russischen Beziehungen zeich-nen sich tatsächlich durch eine extreme Ambivalenz zwischen tiefer Verbundenheit und katastrophaler Konfrontation aus. Historiker sprechen in diesem Zusammen-hang oft von einer historischen „Schicksals-gemeinschaft“, die beide Völker verbindet.
Die Anfänge
Erste offizielle Gesandtschaften zwischen dem Vorläufer des deutschen Reiches, dem Ostfränkischen Reich, gab es bereits im 10. Jahrhundert. Zwischen der Kiewer Fürstin Olga und dem ostfränkischen König Otto I. wurden im Jahr 959 erste Beziehungen her-gestellt und Gesandtschaften ausgetauscht.
Sehr früh wurden auch familiäre Beziehungen geknüpft. Im Jahr 1089 heiratete der deut-sche König und Kaiser des Heiligen Römi-schen Reiches, Heinrich IV., die russische Fürstentochter Agnessa, Witwe des Mark-grafen von der Nordmark.
Die Schlacht auf dem Eise des Peipussees 1242
Im Jahre 1201 wurde der Schwertbrüderor-den, auch Orden der Krieger Christi, ge-gründet, der mit Kreuz und Schwert begann, die slawischen Heiden an den Ufern der Düna (Westliche Dwina) zum christlichen Glauben zu bekehren, wofür die Ritter des Schwert-brüderordens die volle Vergebung ihrer Sünden durch die katholische Kirche erhielten.
Große Mengen fahrender Pilger tauschten Jahr für Jahr den Pflug gegen das Schwert und begaben sich aus den deutschen Landen nach Livland. (2*)
Die Vorstöße der Deutschordensritter wurden im Jahr 1242 in der Schlacht auf dem Eise des Peipussees gestoppt. (3*)
Dem voraus gegangen waren Versuche, das Ordensterritorium auf Kosten der Stadt Nowgorod zu erweitern. Unter der Führung des Bischofs von Dorpat, Hermann I. von Buthoeven, drangen die Ordensritter von Estland aus auf das Gebiet Nowgorods vor.
Gefährlich wurde die Situation für die Stadt, als der Ritterorden das zum Schutz der Nowgoroder Handelswege bedeutsame Pleskau (jetzt Pskow) südlich des Peipussees eroberte.
Anfang 1242 ging Pleskau jedoch wieder verloren, und am 5. April 1242 besiegte eine russische Streitmacht unter der Führung des Nowgoroder Fürsten Alexander Newski, Sohn des Großfürsten von Wladimir, das Ritterheer des Livländischen Ordens (4*) und beendete die Ostexpansion des Ordens.
Damit war jedoch auch der territoriale Er-weiterung des in der Zeit von 1230–1561 existierenden Deutschordensstaates Einhalt geboten, auch wenn es diesem gelang, sich nach 1242 zu konsolidieren.
In den folgenden zwei Jahrhunderten konnte sich das Großfürstentum Moskau zur domi-nierenden Macht im russischen Raum ent-wickeln. Um 1460 hatte das Großfürstentum Moskau bereits eine Fläche von 430.000 km² erreicht. Nowgorod selbst wurde im Jahr 1478 Moskau unterworfen.
Die Deutsche Hanse in Rußland
Ab dem 12. Jahrhundert richteten Kaufleute der Han-se feste Handelsrouten auch nach Nord-westrußland ein. Als im 13. Jahrhundert die freien deutschen Städte Lübeck, Bremen und andere einen gemeinsamen engen Handelsbund gründeten, der unter dem Namen Deutsche Hanse in die Geschichte einging, gewann im Handelssystem Nordosteuropas auch das russische Nowgorod an Bedeutung.
Der Bund der Hansestädte richtete dort sein Hauptkontor ein. Mit dem „Peterhof“ entstand das bedeutendste deutsche Kontor außerhalb des deutschen Binnenraums.
Den deutschen (und holländischen) Kauf-leuten wurden in Nowgorod besondere Handelshöfe zugewiesen, deren Bewohner völlig unabhängig waren und sogar eine eigene Gerichtsbarkeit besaßen, für die sie sogenannte Älteste wählten. Nur der rus-sische fürstliche Gesandte hatte das Recht, diese ausländischen Siedlungen zu betreten.
Gehandelt wurden russische Pelze, Honig und Wachs gegen Tuche und Webereiprodukte, Metallwaren und Wein. Als im Jahre 1231 in Nowgorod eine Hungersnot grassierte, kamen ihnen hanseatische Kaufleute, die von der Not der Nowgoroder Kenntnis erhalten hatten, mit Getreide beladenen Schiffen über die Ostsee zu Hilfe.
Estland, Livland und Kurland
Im Jahre 1228 entstand die Livländische Konföderation. Zeit ihres Bestehens mußte sich diese gegen die territorialen Ansprüche der Moskowiter zur Wehr setzen. Im Liv-ländischen Krieg (1558– 1583) verloren alle zur Konföderation gehörenden politischen Einzelterritorien und Teilstaaten ihre Unab-hängigkeit und der Ordensstaat zerfiel.
Um Schutz vor den einfallenden Truppen des russischen Zaren Iwan IV. („dem Schreckli-chen“) zu suchen, unterwarfen sich im Sommer 1561 die Stadt Reval (heute Tallinn) sowie die Adelsritterschaften der nördlichen estnischen Regionen Harrien und Wierland freiwillig dem schwedischen König Erich XIV.
Angesichts der Bedrohungen durch die Mos-kowiter beschloß der livländische Landtag im Jahr 1561, sich unter den Schutz des Königs von Polen und Großfürsten von Litauen zu stellen.
Nachdem der letzte Erzbischof von Riga, Wilhem von Brandenburg, abdanken mußte, wurde Riga Freie und Reichsstadt. Im Jahr 1561 war der Ordensstaat Livland (5*) in ein weltliches Herzogtum umgewandelt worden.
Gotthard Ketteler, der letzte Landmeister des Schwertbrüderordens, gründete nach der Säkularisierung das Lehnsherzogtum Kurland und Semgallen, das der polnischen Krone untertan war. Das protestantische Herzogtum stand fortan unter polnischer Lehnshoheit.
Polen gestand dem Territorium jedoch deutsche Obrigkeit und freie Religions-ausübung zu. Im Jahr 1737 erhob die russische Kaiserin Anna Iwanowna von Rußland ihren Günstling Ernst Johann von Biron (6*) zum Herzog von Kurland. (Nach dem Untergang Polens gelangte Kurland an Rußland und wurde 1795 vollständig in das Reich eingegliedert.) (7*)
Deutsche Bergleute und der Fall von Kasan im Jahr 1552
Im Jahr 1552 waren deutsche Bergleute, Fe-stungsexperten und Minenleger wesentlich an der Erstürmung und Eroberung der tata-rischen Festung Kasan an der Wolga beteiligt.
Die Erstürmung der Festung Kasan im Herbst 1552 durch die Truppen des Zaren Iwan IV. war eines der wichtigsten militärischen Ereignisse in der russischen Geschichte. Sie markierte den Untergang des tatarischen Khanats Kasan und leitete die Ostexpansion Rußlands in Sibirien ein.
Kasan war eine stark befestigte und von einem Wassergraben umgebene Festungs-stadt auf einem Hügel, die den nach Osten führenden Handelsweg über die Wolga kontrollierte. Vorherige russische Feldzüge in den Jahren 1547 und 1549 waren gescheitert.
Für den Feldzug von 1552 setzte Iwan IV. daher auf modernste Kriegstechnologie und eine enorme Übermacht an Soldaten (insges. 150.000). Statt frontaler Direktangriffe setz-ten die Russen auch deutsche Spezialisten ein. Diese bauten einen fahrbaren, 12 Meter hohen hölzernen Belagerungsturm, der mit schweren Kanonen bestückt war und direkt über die Mauern feuern konnte.
Der entscheidende Durchbruch gelang durch den Einsatz von Minen. Sappere (Tunnelgrä-ber) gruben unterirdische Gänge bis unter die Fundamente der Stadtmauern und brachten dort große Mengen Schießpulver ein.
Dann wurde die städtische Wasserversorgung gesprengt, Anfang Oktober folgten die Sprengungen der Haupttore Kasans (darun-ter das Nogai-Tor). Rußland kontrollierte infolge des Falls der Tatarenfestung Kasan den gesamten Verlauf der Wolga, des nun wichtigsten Handelsflusses Rußlands.
Das machte den Weg für die Unterwerfung des Khanats Astrachan vier Jahre später (1556) frei und ermöglichte in den Folge-jahrzehnten den russischen Vorstoß nach Sibirien.
Damit war jedoch auch die Tür in den heutigen russischen Süden geöffnet, und Rußland expandierte erfolgreich nach Osten und nach Süden.
Deutsche Kaufleute in Rußland
In der Zeit der Regentschaft Iwans III. (8*), des Großfüsten von Moskau, er regierte von 1462–1505 nahmen Spannungen und Aus-einandersetzungen mit der Deutschen Hanse zu.
In seiner Regierungszeit wurde der Grund-stein für den russischen Einheitsstaat gelegt, und es begann der Aufstieg zur osteuropäi-schen Großmacht. Der Konflikt mit der Deutschen Hanse endete mit der Zerschla-gung des hanseatischen Kontors in Nowgorod.
Nach der Unterwerfung der unabhängigen Handelsrepublik Nowgorod durch Iwan III. im Jahr 1478 gerieten die dort ansässigen deut-schen Kaufleute unter den direkten Moskauer Einfluß.
Nowgorod war bis zu diesem Zeitpunkt das am weitesten nach Osten vorgeschobene Zentrum der Deutschen Hanse. Im Jahr 1494 ließ Iwan III. das hansische Kontor in Nowgo-rod (den sogenannten Peterhof) gewaltsam schließen. 49 deutsche Kaufleute wurden gefangen genommen und ihre Waren beschlagnahmt.
Als Vorwand für diese Maßnahme diente ein Streit über zu Tode gekommene russische Kaufleute in Livland. Die Gefangenen wurden bis 1497 freigelassen. Der Peterhof blieb jedoch geschlossen und verfiel. Der deutsche Fernhandel verlagerte sich daraufhin in an-dere Handelsstädte, nach Narva und Pleskau sowie in die Ostseestädte Reval und Riga.
Andererseits war die Regierungszeit Iwans III. von einer Zuwanderung deutscher Handwer-ker und Kaufleute gekennzeichnet. Auch Bergleute wurden gezielt in den deutschen Bergbauzentren angeworben. Erste Verhüt-tungsanlagen, wiederum mit Hilfe deutscher Spezialisten, wurden errichtet.
Der Beginn der deutschen Einwanderung nach Rußland
Auch unter Iwan IV. (9*) und später Peter dem Großen (10*) wurden deutsche Handwerker, Baumeister, Ärzte und andere Spezialisten, darunter Bergleute, nach Rußland geholt, um das Land zu modernisieren.
Der forcierte Abbau von Erzen ermöglichte den Bau von Hüttenanlagen, in erster Linie Eisenhütten. In Moskau entstand die „Aus-länder-Vorstadt“ (auch „Deutsche Vorstadt“ (Nemezkaja Sloboda) genannt. Die hansea-tischen und anderen deutschen Kaufleute genossen einen besonderen Status als „Gäste“ (russisch gosti).
Da es in Rußland noch keine Universitäten gab (11*), kamen auch Ärzte, Apotheker und andere Gelehrte nicht nur aus den deutschen Territorien. Ausländer galten damals als Nicht-Rechtgläubige, mit denen die Anhänger des orthodoxen Glaubens nur unter strengen Auflagen Kontakt unterhalten durften.
Als Ansiedlungsort wurde den ausländischen Fremden eine Siedlung am anderen Ufer des Flusses Jausa etwa zwei Kilometer nordöstlich vom Zentrum Moskaus entfernt zugewiesen. Hier wurde auch die erste Apotheke Rußlands eröffnet.
In der Nemezkaja Sloboda war das Hoch-deutsche allgemeine Umgangssprache. Die Bewohner der Sloboda konnten seit deren Gründung nach ihren eigenen Sitten und Gebräuchen leben und ungestört auch ihren Gottesdienst abhalten.
Eine Zählung aus dem Jahr 1665 ergab, daß in der Deutschen Vorstadt 206 Häuser und Gehöfte mit etwa 1.200 Bewohnern exi-stierten. Im Jahre 1725 betrug ihre Zahl 2.500, was einem Anteil von etwa 2 % der Gesamtbevölkerung Moskaus ausmachte.
Die Deutschen in St. Petersburg
Dagegen entwickelte sich St. Petersburg seit der Gründung der Stadt im Jahr 1703 zum eigentlichen Zentrum der auslandsdeutschen Kolonie im historischen Rußland. Bedingt auch durch den großen und zu keiner Zeit versiegenden Zustrom bürgerlicher wie auch adliger Baltendeutscher in die Stadt – St. Petersburg war ab 1718 Hauptstadt und 1721 wurden Estland und Livland, 1795 auch Kurland in das Russische Reich eingegliedert – wuchs die Zahl der Deutschen kontinuierlich.
Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten etwa 50.000 Deutsche bzw. Deutschsprachige in der russischen Hauptstadt. (12*) Es existierten mehrere evangelische Kirchen (13*) (die Mehrheit der Deutschen war evangelischen Glaubens).
Die Habsburger und Rußland
Infolge der Entstehung des Russischen Rei-ches um dessen Zentrum Moskau und die Abschüttelung des Tatarenjochs war am Ende des 15. Jahrhunderts die Bedeutung der Großfürsten von Moskau gewachsen.
Der zunehmende Gegensatz zur benachbar-ten Großmacht Polen-Litauen und die Stärke, die man mit dem im Osten neu entstandenen Zentralstaat verband, machten dieses Ruß-land als Bündnispartner sowohl gegen die Lubliner Union als auch gegen die Osmanen interessant.
Der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation aus dem Haus Habsburg ließ die Möglichkeiten eines Bündnisses mit Moskau sondieren. Im Laufe der Jahre emp-fing man in Moskau eine Reihe von kaiser
lichen Gesandten, darunter Siegmund von Herberstein. (14*)
Nach den Sondierungen eines möglichen Bündnisses gegen Polen-Litauen verschoben sich die gemeinsamen Interessen zwischen dem Großfürstentum Moskau als russischer Vormacht und dem habsburgischen Kaiser auf eine gemeinsame Abwehr der osmani-schen Expansion.
Katharina II.
Seit dem 18. Jahrhundert, besonders seit der Regierungszeit des Zaren Peter dem Großen (15*) sowie der aus Anhalt-Zerbst stammen-den Katharina II. (16*), waren die dynasti-schen Herrscherhäuser der russischen Romanow und einzelner deutscher Territorien eng miteinander verbunden.
Darüber hinaus spielen nach Rußland ausge-wanderte deutsche Gelehrte, Handwerker und Adlige sowie Verwaltungsbeamte eine tra-gende Rolle bei der Modernisierung des Russischen Reiches.
Hunderttausende deutsche Kolonisten wan-derten aufgrund von Einladungsprivilegien nach Rußland aus und begründeten dort ausgedehnte deutsche Siedlungsgebiete (Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Krimdeutsche, Bessarabiendeutsche, Sibiriendeutsche).
Russische Ansiedlungspatente: Die Wolgadeutschen und die Schwarzmeerdeutschen
Die aus Deutschland stammende Zarin Katharina d. II. lud mit einem Einladungs-privileg (Manifest) (17*) deutsche Bauern vornehmlich aus Hessen, dem Elsaß und süddeutschen Territorien zur Ansiedlung an den Kolonistengebieten an der Wolga ein.
Den Kolonisten wurden kostenlose Land-zuteilung, freie Religionsausübung, mehrere Jahre Steuerfreiheit sowie die Befreiung vom Militärdienst zugesagt.
Den Wolgadeutschen gelang es (im Un-terschied zu anderen rußland-deutschen Siedlergruppen) innerhalb von fünf Gene-rationen einen der deutschen Neustämme zu bilden. (18*)
Die Realität in den zugewiesenen Sied-lungsgebieten beiderseits der Wolga erwies sich für die etwa 6.500 ins Land geholten Kolonistenfamilien, insgesamt etwa 23.500 Bauernsiedler, freilich als ernüchternd. (19*)
Der Enkel Katharinas II., der Zar Alexander I. (20*), wiederholte das Ansiedlungs-manifest seiner Großmutter und erließ am 20. Februar 1804 ein neues Einladungsprivileg (21*) und ließ die Gebiete Neurußlands (heutige Ukraine) besiedeln.
Die Kolonisten wurden zu einem großen Teil in den süddeutschen Territorien sowie in Preußen angeworben. Bis zum Ende der Regierungszeit des Zaren, die den Kern dieser Kolonisationsphase bildete, kam insgesamt 50.550 Siedler aus Mitteleuropa, vor allem aus den deutschen Ländern, nach Rußland. Zu ihnen gehörten neben Deutschen aus Württemberg, Baden, der Pfalz und Westpreußen auch Franzosen, Schweizer, Polen und Schweden.
Die Baltendeutschen
Durch die verheerenden Verwüstungen des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) sowie eine extreme Pestepidemie um 1710 verlor die heute als Baltikum (22*) bezeich-nete Region einen Großteil der Bevölkerung. In Städten wie Riga oder Reval (Tallinn) überlebte nur ein Bruchteil der früheren Einwohnerschaft.
Die Gesamteinwohnerzahl von Estland und Livland lag 1721, zum Zeitpunkt der Über-nahme dieser Territorien durch Rußland, zusammengenommen vermutlich bei deutlich unter 300.000 bis 400.000 Menschen, nur etwa 10 % waren Deutsche (bzw. Deutschsprachige). (23*)
Die Baltendeutschen, die 1721 (Estland, Livland) bzw. 1795 (Kurland) infolge der Expansion des Zarenreiches russische Untertanen wurden, trugen jedoch nicht unerheblich zur Formung einer modernen staatlichen Administration bei und nahmen wichtige Stellungen im russischen Staats-dienst, in der Verwaltung und in der russischen Armee ein.
Zur Entwicklung der Wissenschaften und ebenso in der russischen Kultur leisteten die Baltendeutschen einen großen Beitrag. Trotz ihrer deutschen Herkunft erwiesen sich die Baltendeutschen als treue Untertanen des Zaren und erlagen schrittweise jedoch auch der Assimilierung.
Russische Diplomatie und deutsche Einzelterritorien
Ende d. 17. Jh./Anfang d. 18. Jahrhunderts bildeten sich aufgrund übereinstimmender Interessen enge diplomatische und politische Beziehungen zwischen dem zu dieser Zeit führenden deutschen Staat, dem Kurfürsten-tum Sachsen, und Rußland heraus.
1698 wurde ein gemeinsames, gegen das zu dieser Zeit aggressiv im Ostseeraum und in Polen vordringende Schweden geschlossen. Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) waren Kursachsen und Rußland 1700–1706 und 1709–1719 miteinander verbündet.
Ebenso unterstützte Peter I. (24*) die Königswahl des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. (25*) zum König von Polen. Der Nordische Krieg endete mit dem Sieg der Allianz.
Schweden verlor seinen Großmachtstatus und mußte sich aus dem Ostseeraum zurückzie-hen. Estland und Livland fielen an Rußland. 1721 wurde das Russische Kaiserreich proklamiert. Rußland hatte endgültig den Status einer Großmacht erlangt.
Mit der Gründung des Königreichs Preußen 1701 verlagerte sich das Interesse Rußlands.
Die finanzielle Überanstrengung Sachsens in Polen und insbesondere die Folgen des Sie-benjährigen Krieges (Sachsen hatte faktisch die Kriegführung der preußischen Armee zu finanzieren und das Land wurde vollständig ruiniert und infolge der preußischen Beset-zung ausgeplündert) hatten den Aufstieg Preußens als protestantische Führungsmacht in Deutschland zur Folge.
Preußen löste damit das Kurfürstentum Sachsen ab. Rußland mußte sich neu orientieren. Peter I. traf sich mehrmals mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm I., um die gegenseitigen Kontakte zu vertiefen und die übereinstimmenden Interessen zu definieren.
Als Geste guten Willens schenkte Peter I. anläßlich eines freundschaftlichen Treffens dem preußischen König eine Kompanie „Langer Kerle“, bis dahin sämtlich russische Rekruten.
Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) positionierte sich Rußland jedoch gegen Preußen.
Und im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) ging Rußland ebenfalls eine Koalition mit Österreich und Frankreich gegen Preußen ein. Die Schwerpunkte russischer Interessen hatten sich verschoben, und Preußen wurde als der wichtigere Gegner Rußlands identifiziert.
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Anmerkungen
1* Russen & Deutsche : 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur : Kursbuch zur Ausstellung / [Ausstellung „Russen und Deutsche – 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“], hrsg. von Petersburger Dialog e.V. ; Stiftung Preußischer Kulturbesitz. [erarb. von Wilfried Menghin und Julienne Franke. Red. Friederike Terpitz ; Ralf Kasper], Berlin: Cornelsen, 2012. – Dieter Cycon: Die glücklichen Jahre. Deutschland und Russland. Busse Seewald, Stuttgart 1991. – Stefan Creuzberger: Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung. Hamburg: Rowohlt, 2022.
2* Im Gefolge der Ritter strömten auch einfache Menschen in die Kolonisationslande und besiedelten im Verlauf mehrerer Generationen insbesondere die Städte in Livland, Estland und in Kurland. Dabei wurden die geistigen und ebenso die familiären Beziehungen zu den binnendeutschen Ländern immer aufrecht erhalten.
3* 5. April 1242. Das Ordens-Heer setzte sich aus 500 bis 600 Berittenen sowie aus 1.000 bis 1.200 Mann estnischen u. etwa 800 deutschen und dänischen Fußsoldaten zusammen. Laut einer hist. Chronik waren unter den Ordens-rittern nur 30 Panzerreiter, denen jeweils 5 bis 6 leichte Reiter zur Seite gestellt waren. Das ergäbe eine Zahl von höchstens 200 Reitern. Lit.: Dittmar Dahlmann: Der russische Sieg über die „teutonischen Ritter“ auf dem Peipussee 1242. In: Gerd Krumeich, Susanne Brandt (Hrsg.): Schlachtenmythen. Ereignis – Erzählung – Erinnerung. Böhlau, Köln/Wien 2003.
4* Der Livländische Orden, ein strukturell und organisatorisch eigenständiger Teil des Deutschen Ordens, war aus der Vereinigung des Deutschen Ordens und des Schwertbrüderordens hervor gegangen (der Schwertbrüderorden wurde im Jahre 1237 nach der schweren Niederlage in der Schlacht von Schaulen gegen die Litauer mitsamt seinen verbliebenen Mitgliedern in den Deutschen Orden eingegliedert).
5* Teil des Deutschordensstaates. Lifland wird 1561 säkularisiert. Aus dem Ordensland gehen das Herzogtum Kurland (und Semgallen) u. das Herzogtum Lifland hervor.
6* Ernst Johann von Biron (geboren als Ernst Johann von Bühren, 1690–1772) war der mächtige Günstling und Liebhaber der russischen Zarin Anna Iwanowna. Während ihrer Regierungszeit von 1730 bis 1740 stieg er vom einfachen Sekretär und Hofmeister zum de-facto-Regenten des Russischen Kaiserreiches auf und lenkte im Hintergrund die gesamte Staatsgewalt. Als Anna Iwanowna 1730 den russischen Zarenthron bestieg, folgte er ihr nach St. Petersburg. Als Oberkammerherr übernahm er die Regierungsgeschäfte und stützte sich dabei auf die sogenannte „Deutsche Partei“ bei Hofe.
7* Die Verteilung der Baltendeutschen in Kurland um das Jahr 1795 (und erfasst in der darauffolgenden Steuer- und Volkszählung von 1797) war von einem erheblichen Stadt-Land-Gefälle und einer klaren sozialen Schichtung geprägt. Während sie auf dem Land eine kleine, privilegierte Elite bildeten aus der lokale und regionale Führungsschichtenvertreter hervorgingen, stellten sie in vielen Städten die Mehrheit der Bürger. In Mitau (jetzt Jelgava), Residenzstadt des kurländischen Herzogs und ab 1795 Hauptstadt des russischen Gouvernements Kurland war zu 50 % deutschsprachig. In Libau (jetzt Liepāja , wichtigste See- und Handelsstadt Kurlands, war durch den Ostseehandel stets durch einen starken Zuzug deutscher Kaufleute geprägt. In Libau lag der Anteil der deutsch-baltischen Bürger und Kaufleute bei etwa 70 %. Auch in Städten wie Bauske (Bauska) (ca. 54 % Deutsche), Friedrichstadt (Jaunjelgava) (ca. 54 %), Windau (Ventspils) und Goldingen (Kuldīga) stellte das deutsche Bürgertum bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die dominierende und tonangebende und überwiegend mehrheitliche Bevölkerungsgruppe. Die ländliche Bevölkerung bestand dagegen fast vollständig aus Letten, die zu diesem Zeitpunkt noch der Leibeigenschaft unterworfen waren. Der gesamte deutsche Bevölkerungsanteil auf dem Land betrug im Jahr 1797 5,8 % (inklusive deutscher Gutsverwalter, evangelischer Pfarrer und Dorfhandwerker).
8* Iwan III (Iwan der Große), * 1440, † 1505, regierte 1462–1505.
9* Iwan IV. (Iwan der Schreckliche), * 1530, † 1584, Großfürst von Moskau, ließ sich 1547 zum russischen Zaren krönen. Unter seiner Herrschaft expandierte das Zarentum durch die Zerschlagung der tatarischen Chanate Kasan, Astrachan und Sibir nach Osten und Süden.
10* Peter der Große, Pjotr Alexejewitsch Romanow, * 1672 Moskau, † 1725 St. Petersburg, 1682 bis 1721 Großfürst des Zarentums Rußland, Zar, 1721 erster Kaiser des Russischen Reichs.
11* 1724 erfolgte die erste Gründung einer Universität in Rußland in St.Petersburg, 1755 erfolgte die zweite Universitätsgründung in Moskau.
12* Um 1800 hatte die Stadt 330.000 Einw., um 1850 ca. 500.000 Einw., im Jahr 1890 1 Million.
13* Annenkirche, Petri-Kirche, Marienkirche, St. Katharinen-Kirche auf der Wassilijewski-Insel.
14* Sigmund Freiherr von Herberstein, kaiserlicher Rat, Diplomat, Gesandter am Hof in Moskau, * 1486, † 1566.
15* Vgl. Anm. 10.
16* Katharina II, später Katharina d. Große genannt. * 2.05.1729 Stettin (geboren als als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst).
17* Das Einladungsmanifest von Zarin Katharina II. vom 22. Juli 1763 war ein kaiserlicher Erlaß, der ausländische Kolonisten – vor allem deutsche Bauern und Handwerker – zur Besiedlung bislang ungenutzter Grenzgebiete im Russischen Reich anwarb. Ein erstes, weitgehend wirkungsloses Manifest hatte Katharina II. bereits am 4. Dezember 1762 erlassen.
18* Der erste deutsche Neustamm sind (bzw. waren) die Siebenbürger Sachsen. Diese sind in den Stürmen des 20. Jh. untergegangen und haben sich faktisch aufgelöst. Andere große auslandsdeutsche Siedlungsgruppen (Banater Schwaben, Donauschwaben, Schwarzmeerdeutsche) entwickelten sich nicht zu neuen deutschen Stämmen.
19* Die Situation der wolgadeutschen Kolonisten wird hervorragend beschrieben in: Züge, Christian Gottlob: Der russische Colonist oder Christian Gottlob Züge´s Leben in Russland. Nebst einer Schilderung der Sitten und Gebräuchen der Russen, vornehmlich in den asiatischen Provinzen. / Nachdruck der Ausgabe Zeitz u. Naumburg, Wedel, 1802. – Bremen: Edition Temmen, 2. Auflage 1992.
20* Alexander I. (Alexander Pawlowitsch Romanow; * 23.12.1777 Sankt Petersburg, † 1.12.1825 Taganrog), 1801 bis 1825 Kaiser von Russland, aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp und von 1801–1807 u. 1813–1818 Herr der Herrschaft Jever (Norddeutschland).
21* Mit seinem „Einladungsprivileg“ und dem Erlaß neuer Ansiedlungsbedingungen (Erlaß/Manifest vom 20.02.1804) knüpfte Zar Alexander I. an das berühmte Einladungsmanifest seiner Großmutter Katharina II. (1763) zur Ansiedlung ausländischer Kolonisten (insbesondere Deutscher) in Rußland an, verschärfte jedoch die Auswahlkriterien für die Vergabe von Privilegien für die Kolonisten deutlich.
22* Baltikum: historisch Estland, Livland (Livländische Konföderation), Kurland (Kurland und Semgallen), später Estland, Polnisch-Livland, Herzogtum Kurland, heute Estland und Lettland (Litauen ist kein Teil dieser historischen Region, wird heute aber im Allgemeinen dem Baltikum zugerechnet.)
23* Nach Krieg und Pest betrug die Zahl der im Jahr 1721 gebildeten russischen Ostseegouvernements lebenden Deutschbalten schätzungsweise bei etwa 15.000 bis maximal 30.000 (Angehörige des estnischen und livländischen Landadel sowie Reste der städtischen Bürgerschaften in Riga, Reval, Dorpat und anderen Städten dieses Raums (Pernau, Libau, Mitau, Windau, Arensburg, Dünaburg, Goldingen).
24* Peter I., der Große, geboren als Pjotr Alexejewitsch Romanow, 1682 bis 1721 Zar und Großfürst des Zarentums Russland und von 1721 bis 1725 der erste Kaiser des Russischen Kaiserreichs. Er gilt als einer der bedeutendsten Herrscher Russlands.
25* Friedrich August I., 1694-1733 Kurfürst von Sachsen, als August II. 1697–1706 u. 1709–1733 in Personalunion König von Polen.