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Der große Sprachumbau

Gerhard Bracke

schreibt eine Besprechung des wichtigen Buches von

Matthias Heine, Der Große Sprachumbau – Eine gesellschafts-politische Katastrophe

Langen Müller Verlag, München 2025, 240 Seiten, 24,00 Euro

Unter den zeitkritischen Neuerscheinungen nimmt das Buch des profilierten Germanisten Matthias Heine zweifellos eine besondere Stellung ein. Es ist nicht nur die sprachlich brillante Darbietung der Thematik, die der Lektüre ihren außerordentlichen Reiz verleiht, es sind vor allem die bewundernswerten Fachkenntnisse und das spezielle Wissen in Verbindung mit dem Gesamtaufbau der verschiedenen „Baustellen“-Kapitel.

Die Veröffentlichung stellt eine überzeu-gende Kombination von sprachwissen-schaftlicher Bestandsaufnahme und kritischer Mahnung für Sprachpflege und Bewahrung des Bewährten dar. Scharf kritisiert werden die propagierten sprachlichen Fehlentwick-lungen, die als Machtinstrumente im Dienste ideologischer Bevormundung ihre Wirkung entfalten.

Der Verlag weist auf der Rückseite des Buches deutlich auf die Problematik hin:

„Die deutsche Sprache ist in nie gekanntem Maße zum politischen Kampfplatz gewor-den. Es geht längst nicht mehr um einzelne Wörter, es geht um die gesamte Struktur des Deutschen, die Aktivisten umbauen wollen, um so die Gesellschaft in ihrem Sinne zu  verändern. Die Angreifer treten wie gewohnt im Namen des Fortschritts auf – speziell eine Linke, deren Unbehagen an der deut-schen Sprache, an allem Deutschen, bis zum Haß reicht.“

Mit bewundernswerter Sachkenntnis stellt Matthias Heine, studierter Germanist und Kul-turreferent der „Welt“, den Weg zur Verein-heitlichung des Deutschen durch Martin Luthers Verdienste und das Wirken von Martin Opitz („Buch von der deutschen Poeterey“, 1624) und Johann Christoph Gottscheds mit seiner „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst, 1748)“  dar. 

Als „Mutter aller gegenwärtigen Sprachum-bauten“ bezeichnet der Autor die gegen den Willen der Mehrheit durchgesetzte sog. Rechtschreibreform. Die heute umstrittene Gendersprache

„ist ihrem Wesen nach nichts anderes als ein Politjargon sich besonders aufgeklärt und gesellschaftlich avanciert dünkender Eliten …“

Der Fortschrittsbegriff ist ähnlich autoritär und größenwahnsinnig wie derjenige der Stadtplaner der Nachkriegszeit – oder derjenige der „Recht-schreibreformer“, denen es 1996 als ersten ge-lang, der deutschen Sprache durch Untermi-nierung ihrer Struktur so zu schaden, daß sich jeder nach Belieben und Gutdünken ihrer locker bedienen kann.

Mit Recht erinnert der Autor in Anbetracht heutiger Sinnverschiebungen, Neuprägungen und Wörterverbote an George Orwells be-rühmten Roman „1984“ und dessen „Neusprech“ mit dem „Wahrheitsministerium“. Das Buch führt den Nachweis, daß sich  früher der Sprachumbau grundsätzlich vom gegenwärtigen unterscheidet:

„Der alte Sprachumbau von Luther über Opitz, Gottsched und Adelung bis hin zu den Sprachforschern des 19. Jahrhunderts, die große Wörterbücher der Sonder- und Fachsprachen oder Dialekte verfaßten, hatte fundamental andere Ziele als die Projekte der neuen Sprachumbauer. Es ging nicht um die Veränderung einer funktionierenden Sprache aus politischen Gründen; es ging um die Schaffung einer Sprache, wo vorher keine vorhanden war.

Es war ein nationales Anliegen. Man emp-fand völlig zurecht, daß das Deutsche an Ausdrucksfähigkeit und Differenziertheit, im Wortschatz und in der grammatischen Festigkeit, auf deren festem Boden erst poetische Varianz so recht gedeihen kann, hinter den weiter entwickelten Sprachen Italiens, Englands, Frankreichs und auch dem Lateinischen zurück war. Man wollte den Reichtum seiner Ausdrucksmöglich-keiten vergrößern, nicht beschränken.“ (S.230)

Die Publikation von Matthias Heine kann nur nachdrücklich empfohlen werden, und es schmälert das Verdienst des renommierten Verlages keineswegs, wenn mit Bedauern hinzu-zufügen wäre, daß eine Veröffentlichung in der bewährten Rechtschreibung die überzeugendere äußere Gestaltungsform ergeben hätte.

 

 

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