Bevölkerungsentwicklung Deutschlands nach 1945 – Teil 3
Donnerstag, 14. Mai 2026 von Adelinde |
Thomas Engelhardt:
Schätzungen gehen davon aus, daß bis zu zwei Millionen Menschen bei der Flucht aus den Ostprovinzen (im Gebietsstand der Grenzen von 1937) umgekommen sind.[1]
Die Gesamtzahl von ca.3 Mill. Todesopfern ergibt sich aus der deutschen Gesamtbe-völkerung, die Ende 1944 östlich der Oder-Neiße-Linie dauerhaft wohnhaft bzw. an-sässig war. Und diese Zahl ist erheblich größer.
Die Schwierigkeiten einer genauen Zahlen-angabe ergeben sich aus mehreren Aspekten. In der Regel beziehen sich die Angaben zur Zahl der deutschen Opfer infolge der Ver-treibungsmaßnahmen ausschließlich auf die Einwohnerzahlen in den Grenzen Deutschlands von 1937.
Das bedeutet jedoch, daß in der Regel die deutsche Bevölkerung des Gebiets Danzig-Westpreußens[2] (insges. ca. 1 Million Deut-sche)[3], des Warthelandes[4] (ca. 1 Million Deutsche)[5] und Ost-Oberschlesiens (1939 ca. 200.000) unberücksichtigt bleibt.[6]
Ebenso bleiben die etwa 950.000 in den Jahren 1943/1944/ aus dem westlichen Reichsgebiet nach Ostdeutschland Evaku-ierten in der Gesamtstatistik unberück-sichtigt. Diese wurden jedoch im Zuge der Eroberung Ostdeutschlands durch die Sowjets ebenso von der Wucht der Ereignisse getroffen.
Bei der Volkszählung vom 13. September 1950 wurden in der BRD 7.977.000 Ver-triebene gezählt. Davon stammten:
4.541.000 oder 56,9 % aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten,
1.918.000 oder 24,0 % aus der Tschechoslowakei,
650.000 oder 8,2 % aus der ehemaligen Republik Polen und der Freien Stadt Danzig,
639.000 oder 8,0 % aus Ost- und Südosteuropa,
229.000 oder 2,9 % aus westlichen Ländern oder aus Übersee.1970 waren es 9.598.000, 1985 (inkl. der Aussiedler vornehmlich aus Polen und Rumänien) 10.750.000.[7]
Die Sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR taucht in solchen Zahlenwerken norma-lerweise nicht auf, war jedoch die Zone bzw. der Teil Deutschlands mit der höchsten Aufnahmequote.[8]
10,72 Mio. Umsiedler gab es Anfang Januar 1948 nach einer Statistik der sowjetischen Militäradministration in den vier Besat-zungszonen insgesamt, davon
4,38 Mio. in der SBZ (= 40,9 %, am 1.1.1949: 37,2 %),<
3,32 Mio. (= 31 %, 1949: 32,8 %) in der britischen,
2,96 Mio. (= 27 %, 1949: 28,2 %) in der amerikanischen,
0,06 Mio. (= 0,6 %, 1949: 1,4 %) in der französischen Besatzungszone.Der Anteil der Umsiedler an der Gesamtbevölkerung betrug
24,3 % in der sowjetischen (am 1.1.1949: 24,2 %),
17,7 % in der amerikanischen (1949: 18,1 %),
14,5 % in der britischen (1949: 15,9) und
1,0 % in der französischen Besatzungszone (1949: 3 %)[9]In einigen Ländern der SBZ/DDR betrug der Anteil der dort offiziell Umsiedler genannten Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung über 40 %, in Mecklenburg 42 %. In den Westzonen waren es vor allem Schleswig-Holstein (ca. 33 %), Niedersachsen und Bayern, die die mei-sten Flüchtlinge aufnahmen. In einige Gebiete kamen sie erst spät, weil dort Zuzugsbe-schränkungen bestanden, wie z. B. im Ruhrgebiet.
Alfred M. de Zayas schätzt für das Jahr 1966 die Gesamtzahl der Vertriebenen in der BRD auf 10,6 Millionen, in der SBZ/DDR auf 3,5 Millionen[10], in Österreich und anderen westlichen Ländern auf 500.000, zusammen also 14.6 Millionen.
Die Zahl der Toten und Vermißten bei Flucht und Vertreibung wird mit 2,111 Millionen angegeben. Demnach hätte es 16,711 Mil-lionen Flüchtlinge und Vertriebene, Vermißte und Todesopfer insgesamt gegeben.
Flüchtlinge und Einheimische im Vergleich
Diese Millionen Menschen strömten auf B-efehl der nationalsozialistischen Verwal-tungen entweder chaotisch-zufällig oder wegen zuvor ausgemachter Treffpunkte in die vier Besatzungszonen ein oder wurden von Flüchtlings- oder Umsiedlerämtern verteilt.
Sie wurden zumeist in ländliche Gegenden verschickt, wo die Versorgungssituation nicht ganz so schlimm war wie in den Großstädten.
Die Flüchtlinge verschärften in allen Besat-zungszonen die ohnehin katastrophalen Versorgungsbedingungen und waren selbst Hauptleidtragende: von der Basisversorgung über die Wohnungs- und Arbeitsbedingungen bis hin zur Ausbildung der Kinder.
In allen wichtigen Lebensfragen waren die Flüchtlinge über Jahre die „Letzten in der Schlange”.
In den vier Besatzungszonen inkl. Berlin lebten
1939 59,794 Mio. Einw.
1946 65,930 Mio. Einw.Bis zum Oktober 1948 hatte die Bevölkerung in der Bizone, also der seit dem 1.1.1947 zusammengeschlossenen amerikanischen und britischen Zone, gegenüber dem Jahr 1936 um 25 % zugenommen.[11]
4.379.000 Flüchtlinge und Vertriebene wur-den zwischen 1945 und 1947 allein in der Sowjetischen Besatzungszone aufgenommen, 12,1 Millionen in den Westzonen.
Nach Abschluß der Vertreibungsmaßnahmen wurden bei der Volkszählung vom 13.09.1950 in der BRD 7, 9 Millionen Vertriebene erfaßt. In der DDR wurden 4, 065 Millionen und in Österreich etwa 400 000 Vertriebene registriert.
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Anmerkungen
[1] Qu.: Theodor Schieder: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bonn 1954.
[2] Danzig-Westpreußen: Im Dezember 1939 hatte Danzig-Westpreußen etwa 2,3 Millionen Einwohner, von denen etwa 1,5 Millionen im bis 1939 polnischen Gebietsteil, 302.000 in den früher ostpreußischen Kreisen (Regierungsbezirk Westpreußen) und 408.000 in der ehemaligen Freien Stadt Danzig lebten. Ende 1942 waren insgesamt 1.153.000 Personen in die vier Gruppen der Deutschen Volksliste warenaufgenommen, davon 870.000 in Gruppe 3, in die vor allem eingedeutschte Polen (d.h. deutschstämmige ehemals polnische Bürger) eingetragen wurden. Hinzu kamen etwa 50.000 „Reichsdeutsche“, die 1939 ff. in den Reichsgau zugezogen waren sowie 51.000 deutschbaltische Umsiedler. Polen machten 1942 weniger als ein Drittel der Gesamtbevölkerung des annektierten Teils aus. Qu.: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/regionen/reichsgau-danzig-westpreussen
[3] Davon 302.000 im ehem. Regierungsbezirk Westpreußen (ab 1939 Marienwerder), 150.000 im Raum Bromberg u. Wirsitz (Netzedistrikt), 408.000 in Danzig und im Gebiet des fr. Freistaats, 50.000 zugezogene Reichsdeutsche u. 51.000 Ostumsiedler (Baltendeutsche).
[4] 1944 lebten etwa 750.000-900.000 Deutsche im Warthegau (die eindeutschen bzw. rückgedeutschten Polen nicht mitgerechnet), nach anderen Angaben 900.000-1,1 Million. Davon waren fast 200.000 Deutsche aus dem Altreichsgebiet zugezogen, hinzu kamen 232.000 aus ihren Heimatgebieten umgesiedelte deutsche Kolonisten aus Osteuropa (u. a. Deutschbalten, Rußlanddeutsche sowie Angehörige deutscher Minderheitengruppen aus Südost-europa). Neben der Rücksiedlung der als Vertragsumsiedler bezeichneten Volksdeutschen wurden ab Sommer 1941 aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion 228.000 Volksdeutsche (vornehmlich Schwarzmeerdeutsche aus Transnistrien und der Südukraine sowie Wolhyniendeutsche aus Ost-Wolhynien) als sog. Administrativumsiedler in das Deutsche Reich umgesiedelt. Hauptaufnahmegebiet war der 1939 gebildete Reichsgau Wartheland. Bei Kriegsende wies der Warthegau eine deutsche Wohnbevölkerung von etwa 1,2 Millionen auf, die in der Regel nicht in der Statistik der deutschen Vertriebenen berücksichtigt werden.
Als Administrativumsiedler wurden die 228.000 Volksdeutschen bezeichnet, die nach einer Anordnung der Militär- und Zivilverwaltung des Dritten Reiches in den besetzten Gebieten der UdSSR (Reichskommissariat Ukraine, rumänisches Transnistrien) ohne einen zwischenstaatlichen Vertrag in den Jahren 1942-44 in den Warthegau oder ins Altreich umgesiedelt wurden. Fast alle von ihnen hatten bis Kriegsende die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen bekommen.
[5] Diese Zahl setzte sich folgendermaßen zusammen: 327.000 Alteinwohner, 200.000 zugezogene Deutsche aus dem Altreichsgebiet, 232.000 volksdeutsche Vertragsumsiedler, 232.000 volksdeutsche Administrativumsiedler, ca. 200.000 Deutsche u. Deutschstämmige gemäß der Deutschen Volksliste I – III.
[6] Die Gesamtzahl der alteingesessenen Deutschen in den bis 1939 polnischen Gebieten wird im Jahr 1939 mit 789.000 angegeben. Hinzu kamen die 169.000 aus Ostpolen in den Warthegau umgesiedelten Wolhyniendeutschen, Cholmerdeutschen u. Narewdeutschen sowie die nach 1939 in die „Neuen Deutschen Ostgebiete“ zugezogenen etwa 800.000 Reichsdeutschen sowie die 230.000 deutschen Umsiedler (Vertragsumsiedler) aus den auslandsdeutschen Siedlungsgebieten. Umgesiedelt wurden 1939/1941 insgesamt mehr als 650.000 Volksdeutsche: 64.000 Baltendeutsche (Lettland und Estland), 54.000 Galiziendeutsche (bis 1939 polnisches Ostgalizien), 74.000 Wolhyniendeutsche (Westwolhynien; bis 1939 Polnisch-Wolhynien), 11.900 Narewdeutsche (heutiges Ostpolen), 24.000 Cholmer und Lubliner Deutsche (bis 1939 zu Polen), 43.700 Bukowinadeutsche (sowjetische Nord-Bukowina), 93.500 Bessarabiendeutsche, 14.500 Dobrudschadeutsche (Rumänien) (nach anderen Angaben: 15.600), 53.000 Bukowinadeutsche (rumänische Südbukowina), 51.000 Litauendeutsche, 44.600 Ost-Wolhyniendeutsche, 104.000 Weichsel-Warthe-Deutsche (= Deutsche aus dem Territorium des 1939 gebildeten Generalgouvernement), 11.500 Gottscheer (Gottschee-Deutsche).
[7] Qu.: Reichling, Gerhard: Die deutschen Vertriebenen in Zahlen. Teil II: 40 Jahre Eingliederung in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1989, S. 14.
[8] Allgemein zur SBZ/DDR-Flüchtlingsproblematik Plato, Alexander von und Wolfgang Meinicke: Alte Heimat – neue Zeit. Flüchtlinge, Vertriebene, Umgesiedelte in der SBZ und DDR, Berlin 1991, a. a. O.
[9] Die Zahlen für 1948 stammen vom Umsiedleramt in Sachsen aus dem Jahre 1948, das sich seinerseits auf eine Statistik der sowjetischen Militäradministration stützte. Zitiert nach dem Aufsatz der DDR-Historikerin Just, Regine: Zur Lösung des Umsiedlerproblems auf dem Gebiet der DDR 1945 bis Anfang der 50er Jahre, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (der DDR), 35. Jahrgang 1987, H. 11, S. 971–984. Regine Just schrieb auch ihre Dissertation zu diesem Thema: Just, Regine: Die Lösung der Umsiedlerfrage auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. Dargestellt am Beispiel des Landes Sachsen (1945–1952), Dissertation A, Magdeburg 1985. In beiden Arbeiten stützt sie sich vor allem auf das Staatsarchiv Dresden und das Bezirksparteiarchiv der SED Dresden. Die Zahlen für 1949 sind zitiert nach Meinicke, Wolfgang: Zur Integration der Umsiedler in die Gesellschaft 1945–1952, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (der DDR), 26. Jahrgang 1988, H. 10, S. 868.
[10] Seit 1948 waren viele Umgesiedelte aus der SBZ/DDR geflohen oder nach einigen Jahren weiter gezogen, vermutlich um die 1 Million; seit 1945 bis 1961 vermutlich 2,7 Mio. Personen insgesamt, also nicht nur Vertriebene.
[11] Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, Bonn 1991, S. 41.