„Guten Abend, Herr Fernau“
Montag, 13. Juli 2026 von Adelinde |
Ernst Cran
stellt ein erdachtes Gespräch mit dem Schriftsteller Joachim Fernau vor. Wer war Joachim Fernau? Wir lesen bei Wikipedia:
Joachim Fernau (*11.9.1909 in Bromberg – gest. 24.11.1988 in Florenz) war ein deutscher Journalist, Kriegsberichterstat-ter der Waffen-SS, Bestseller-Autor und Kunstsammler. Ein Teil seiner Werke erschien unter dem Pseudonym John Forster.
Und bei „Time und Note“:
Fernaus Vater war Beamter in Bromberg in der Provinz Posen. Die Familie zog 1920 nach Schlesien. Nach dem Abitur im Jahr 1929 am evangelischen Humani-stischen Gymnasium in Hirschberg stu-dierte Fernau an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Philosophie und Geschichte, ohne ein Examen abzulegen.
Er arbeitete in Berlin als auf Sportreportagen spezialisierter freier Journalist vor allem für den Ullstein Verlag und für die Telegraphen-Union. In Berlin lernte Fernau Gabriele Kerschensteiner kennen, Enkelin des Pädagogen Georg Kerschensteiner, die er 1943 heiratete.
Kriegseinsatz
Nachdem Fernau 1939 zum Wehrdienst einberufen wurde, meldete er sich frei-willig zur Waffen-SS. Seit Frühjahr 1940 war er in der SS-Kriegsberichtereinheit (Propagandakompanie) der SS-Standarte Kurt Eggers im Frontpropagandaeinsatz. In der SS erreichte er den Rang eines Obersturmführers (als Wehrmachtsrang: Oberleutnant). 1942 und 1943 berichtete er von der Ostfront …
Der achte Besucher: Campanella – Wären die Menschen fähig zu einem Idealstaat? (S. 187-212)
„Nach zwanzig Jahren im Kerker sah ich endlich einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Urban VIII., aus dem Hause Barberini, gebildet, ein Staatsmann von Geblüt, wurde Papst.
Er war ein erbitterter Gegner Spaniens, und es gelang ihm, mich heimlich nach Rom bringen zu lassen. Aber die Macht der Spa-nier reichte auch bis dahin. Auf Bitten des Papstes erbot sich der französische Gesandte beim Heiligen Stuhl, mich an Bord eines französischen Schiffes zu schmuggeln. Ich blieb unentdeckt. Das Schiff segelte ab.
Mein Leidensweg hatte ein Ende. Kurz nach dem Weihnachtsfest 1634 erreichte ich Paris. Können Sie sich mein fassungsloses Staunen vorstellen, als mich bereits in Marseille der berühmte Mathematiker Gassendi begrüßte und mir das Geleit gab, und dann in Paris mich Richelieu und König Ludwig empfingen?
„Ein Wunder war geschehen! Und dieses Wunder hatte meine Schrift bewirkt. Jahre vorher schon war mein Werk vom Son-nenstaat in Deutschland erschienen und mir nach Frankreich vorausgeeilt.“
Er atmete tief auf, als stünde er noch mitten in dem Ereignis.
S. 195/196
**************„Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Ahnen Sie, wieviel?“
„Nein.“
„Fast vierhundert Jahre.“
„Und? Und?“ fragte er begierig.
„Sie werden von denen, die Sie noch kennen, und das sind wenige, als der Erzvater der Weltverbesserer betrachtet.“„Verehrt?“ Er lächelte halb geniert, halb selbstbewußt.
„Nein“, sagte ich rücksichtslos, „verlacht.“Er erstarrte so, als sei der Blitz neben ihm eingeschlagen. Dann plötzlich warf er alle Beherrschung ab, sprang auf, rannte im Zimmer hin und her und schrie mich an:
„Ist es zum Lachen, wenn man die erbärm-lichen Lebensbedingungen der Menschen ändern will? Wenn man die Erleuchtung hat, durch eine neue, noch nie dagewesene Ordnung des Lebens, der Gemeinschaft, des Staates, die Mitmenschen glücklich zu machen? Ist das alles zum Lachen?
Ist es zum Lachen, wenn ich die Kluft zwischen hoch und niedrig beseitigen will? Wenn ich arm und reich ausgleichen will? Wenn ich Willkür und Angst aus der Welt schaffen will? Worüber lacht Ihre Zeit? Reden Sie! Vorwärts! Schonen Sie mich nicht, reden Sie! Ist Ihre Zeit – ach, vielleicht irre ich mich schrecklich – ist Ihre Zeit – hat Ihre Zeit – ich bin verwirrt – hat es Ihre Zeit schon erreicht? Daß ich daran nicht gedacht habe!“
„Nein“, antwortete ich, „meine Zeit hat es nicht erreicht. Meine Zeit ist beschissen. Meine Zeit hat Großartiges geschaffen, aber es ist alles äußerlicher Kram. Wir können Nieren verpflanzen und künstliche Herzen einsetzen –“
„Sie sind verrückt!“ schrie er.
„Ich bin nicht verrückt, Campanella, es ist die Wahrheit.“
„Es wäre Gott versuchen!“ brüllte er weiter, ganz außer sich.
S. 197/198
**************„Mein Sonnenstaat wird so geordnet sein wie der Kosmos, sinnvoll, frei von allen Übeln, die aus der menschlichen Schwäche kommen. An der Spitze wird ein Mann stehen, der den Titel Sol tragen soll, ein Mann, der der Voll-kommenheit am nächsten gekommen ist.
Er ist der höchste Richter in weltlichen und geistlichen Fragen und der Verkünder von Rechten und Pflichten. Neben ihm sollen drei Mitregenten stehen: Pon, das heißt potentia, Macht, ferner Sin, das heißt sapientia, Weis-heit, sowie als dritter Mor, das heißt amor, Liebe.
Der eine verwaltet Soldaten und Polizei, der andere die Angelegenheiten der Philosophie und Wissenschaften, der dritte überwacht die Moral, die Erziehung und die Beziehung zwi-schen Mann und Frau. Jeder hat natürlich Mitarbeiter, Helfer, Erfahrene, Wissende.“
Als er Atem schöpfen und eine Pause machen mußte, sagte ich: „Aha! Und wer beruft diese Regenten?“
„Die Gesamtheit. Die Berufung richtet sich nicht nach dem Wissen um den Gegenstand, sondern nach dem Grad der menschlichen Vollkommenheit.“
Ich sagte wieder: „Aha! Und das kann die Gesamtheit beurteilen?“
„Jawohl! Die Aussondierung vollzieht sich aus der Breite der Möglichkeiten, sich immer mehr zur Spitze der Pyramide verengend, nach oben, wobei die schon hochstehende Schar der letzten Wähler aus ihrer Mitte die Regenten bestimmt.Es wird kein Hochspringen geben, keine Verführung durch schöne Worte und niemals eine Berufung aus Egoismus; nur nach dem Grad der menschlichen Vollkommenheit.“
„Das ist ja großartig!“ rief ich. „Wer hätte gedacht, daß die Sache so einfach ist.“
„Nicht wahr?“ Er war begeistert. Während er weiter sprach, hörte ich nur mit halbem Ohr hin. Ich dachte: Woher kenne ich nur diesen Beglückergeist? Wo habe ich ihn schon gelesen? Denselben Tonfall? Dieselbe Freude in der Stimme? Dieselbe kindliche Seligkeit in den Augen? Diese Lust an der Illusion, alle guten Menschen zusammenzuschließen zu einer Gemeinschaft der Glücklichen, zu einem Reich des Lichts? Zu lichten Höhen?
Bei diesem Wort fiel es mir wieder ein: Lichte Höhen, Ardistan und Dschinnistan, Friede auf Erden, das Reich der Shen, Winnetous Erben: Karl May!
Dieselbe kindliche Beglückung. Ach, so treu deutsch auch dieser Campanella!
S. 201-203
**************
„Gibt es Geld?“ fragte ich. „Geld ist weiter nichts als ein Gutschein auf die Allgemein-heit. Diese Art Gut haben gibt es also. Es gibt auch Gold und Silber. Wir verarbeiten es als Schmuck, weiter nichts. Gold hat nicht mehr Wert in unserem Staat als Silber, und Silber nicht mehr als Kupfer, und Kupfer nicht mehr als Eisen.“„Werden Sie denn all diese Metalle haben?“ „Ich hoffe es, wenigstens in bescheidenem Maße. Sonst müssen wir sie kaufen.“
„Womit? Mit Gutscheinen?“
„Mit unserer Arbeit. Wir sind alles: Bauern, Gärtner, Handwerker. Wir werden das herstellen, was andere brauchen.“„In vier Stunden pro Tag.“
„Ja. Wer danach für sich noch etwas tun will, kann es tun. Er kann lesen, schreiben, sich weiterbilden, sich ertüchtigen, laufen, schwimmen, disputieren. Er kann sich der Erziehung der Kinder widmen und …“„Ach ja, Kinder …“ „Alle Kinder werden vom Staat beaufsichtigt, alle genießen die gleiche Ausbildung. Sie machen alle Stationen der Arbeit durch. Erfahrung ist wichtiger als Theorie. Sie durchwandern alle Werkstätten, sie kommen zum Maurer, zum Schuster, zum Tischler, zum Schmied, aber auch zum Philosophen und zum Priester.
An den Mauern geben große Malereien ihnen Anschauungshilfen in Botanik, in Geographie, in Mathematik und im Wissen über große Männer vergangener Zeiten. Jeder muß vor allem im Militärischen und Bäuerlichen tüchtig sein. Im Sonnenstaat ist derjenige besonders geachtet, der geschickt in der Handarbeit und dabei in den Wissenschaften klug ist.
Wer darin hervorragt, kommt auch von selbst zum schöpferischen Geist. Schritt für Schritt nähert er sich dem Zustand, ein Schöpfer zu sein. Und nun will ich Ihnen noch etwas verraten …:“
„O bitte, ja.“
„Körperlich sollen alle Menschen geübt sein. Im Sonnenstaat jedoch wird es zum hohen Ziel erhoben werden, auch schön zu sein!“
„Das habe ich schon einmal gehört: kalos k’agathos.“
„Ganz richtig. Ein altes griechisches Ideal. Wir werden es verwirklichen.“
S. 204-206
**************„Es gibt im Sonnenstaat keinen Grund, zwei Menschen durch eine Fessel zusammenzu-halten; sie können gehen oder bleiben, wie sie wollen, und die Versorgung der Kinder übernimmt bereits im Säuglingsalter der Staat, und zwar durch gelernte Kräfte. Der Staat führt die geeigneten Paare zusammen.“
„Nicht doch!“ rief ich.
„Aber ja! Begreifen Sie doch: Wir führen große und schöne Männer mit großen und schönen Frauen zusammen. Dicke Männer sollen magere Frauen bekommen, magere Männer dicke Frauen und …“
„… und große erhalten kleine und kleine bekommen große …“ Ich lachte aus vollem Halse.Er sah mich verständnislos an. „Sie lachen?“
„Herzlich! Stellen Sie sich vor, man würde mir eine Kleine, Dicke, so einen richtigen runden Ball zuteilen.Oder Ihnen, da Sie ziemlich klein und ge-drungen sind, eine lange dürre Bohnenstange – das wäre doch eine Despotie ohnegleichen!“
„Einsicht ist im Sonnenstaat die oberste Bürgertugend. Die Allgemeinheit ist wichtiger als der Einzelne.Hätten Sie diese Einsicht nicht? Sie sollen mit der Ihnen zugedachten Frau nicht zusam-menleben, Sie brauchen nur ein Kind zu zeugen. Hätten Sie diese Einsicht nicht?“
Ich lachte wieder.Er schüttelte traurig den Kopf.
„Campanella!“ sagte ich, mit Mühe ernst werdend, „ich flehe Sie an! Was nützt da Einsicht! Zu einer geschlechtlichen Vereinigung gehört doch Lust! Begierde! Wenigstens Zuneigung!“
„Nein.“S. 207/208
**************„Um den Sonnenstaat zu verwirklichen, mitzuhelfen, Bürger zu werden, genügt es nicht, ein rechtschaffener Mensch zu sein, sondern man muß aufgehen in der Gemein-schaft, sich selbst vergessen und nur in der Gemeinschaft denken. Das ist zugleich die höchste Vaterlandsliebe, die es gibt, eine Liebe, die sich lohnt, denn dieses Vaterland ist auch das Höchste, das vorstellbar ist.
Verschwunden wird dann alles sein, was die kosmische Ordnung stören könnte, Gemein-heit, Betrug, Hinterlist, Lüge, Faulheit, Eigennutz, Neid.
Die Achtung und der Rang, den der einzelne einnimmt, richtet sich nach seiner persönli-chen kosmischen Harmonie, nach seinem Wissen und nach der Nützlichkeit für den Staat. Jede Arbeit kann den gleichen Wert haben, es gibt kein hoch und niedrig. Das muß man dem guten Teil der Menschheit klarmachen, und sie wird begeistert folgen.“
„Ach, du lieber Gott“, stöhnte ich, „was sind das für Träume angesichts der Erbärmlichkeit dieser Welt! Campanella, Campanella! Träume eines sehnsüchtigen, ein Leben lang ge-schundenen Menschen.“
„Nein. Nein. Der Traum wird eines Tages Wirklichkeit werden, es kann nicht anders sein.“
„Ich muß Ihnen etwas berichten, was Sie nicht wissen können. Inzwischen hat ein Mann gelebt, der auch die Lebensordnung von Grund aus umstürzen wollte. Ähnlich wie Sie.“
„Wie ich ein geschundener Mensch?“
„Nein.“
„Arm?“
„Im Gegenteil. Seine Familie hatte viel schönes Geld.“
„Aber verfolgt? Revolutionär, Verschwörer wie ich?“
„Nichts dergleichen. Alles war reine Theorie.“
„Merkwürdig. Ein Deutscher?“
„Ja. Ein deutscher Jude.“
„Die sind sehr klug.“
„Richtig.“
„Er lebt nicht mehr?“
„Nein.“
„Und ist vergessen wie ich?“
„Im Gegenteil. Von Millionen angebetet.“S. 209/210
**************„Er lehrte: Arbeit schafft Waren. Da in der alten Gesellschaftsordnung diejenigen, die keine Produktionsmittel besitzen, also die Proletarier, auch kein Besitzrecht an den Produkten haben, sollen sie ihre Arbeitskraft als Ware betrachten und genauso verkaufen.
Er lehrte: Es ist ausbeuterisch, Händearbeit nach dem fraglichen Ertrag zu entlohnen; die Hand, die der Arbeiter leiht, ist vermietet, und er kann dafür die Miete verlangen unabhängig von dem Resultat. Seine Hand bietet er als Marktwert, seine Tätigkeit als Ware an.“
„Oh!“
„Er lehrte: Damit hört die Verelendung des Menschen auf. Der Profitgier der bisherigen Machthaber wird der Boden entzogen.Er lehrte: Das Proletariat muß den Staats-apparat übernehmen und seine Ideen mit einer Diktatur durchsetzen.“
„Und?“
„Was und?“
„Wurde das probiert? Wurde das gemacht?“
„Es wurde gemacht.“
„Wurde es der Sonnenstaat?“ Er war furchtbar aufgeregt.
Ich lächelte.
„Ich war nie dort. Sehen Sie es sich doch selbst an!“
„Wenn ich könnte! Wenn ich doch könnte! Aber wie komme ich hin?“
Ich verstand ihn absichtlich falsch und sagte:
„Von hier immer geradeaus nach Osten.“ S. 2Joachim Fernau, „Guten Abend, Herr Fernau“, Herbig-Verlag München, 2. Auflage 1985
