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Rußland gestern und heute

In dem Rußland, über das Compact schreibt,
habe ich nie gelebt. Filipp Fomitschow

 

Filipp Fomitschow (Foto privat)

Die deutsche Rechte träumt von einem Rußland, das es nicht gibt. Das sagt Filipp Fomitschow, der an der Higher School of Economics in Moskau lehrt. Im Gespräch mit GLUT erklärt er, wie sein Heimatland wirklich tickt und was er dem Westen mit Blick auf den Ukraine-Krieg vorwirft:

Wenn in Deutschland über Rußland ge-sprochen wird, dann meist über Russen, selten mit ihnen. Filipp Fomitschow wurde 1999 geboren, in dem Jahr, an dessen letztem Tag Wladimir Putin an die Macht kam. Er gehört zu einer Generation, die kein anderes Rußland erlebt hat.

Zugleich kennt er die deutsche Rechte von innen. Er hat in der Berliner Bibliothek des Konservatismus geforscht, bei der AfD in Berlin, Brandenburg und Thüringen ge-sprochen und für die „Sezession“ und die Zeitschrift „Abendland“ geschrieben. An der Higher School of Economics in Moskau promoviert er über das politische Denken des bundesdeutschen Rechtskonservatismus.

Gerade deshalb fällt sein Befund unbequem aus. Das Rußland, von dem viele deutsche Rechte schwärmen, sucht man in seinen Antworten vergeblich. Er beschreibt statt dessen eine Generation, die ohne Väter aufwuchs, ein Christentum, das kaum mehr ist als ein Etikett, einen Krieg, den niemand für heilig hält – und Millionen junger Männer aus Zentralasien, die niemand integriert.

Das Gespräch wurde per Zoom auf Deutsch geführt und dauerte mehr als drei Stunden. Hier erscheint es in gekürzter Fassung.

Ein Land ohne Väter

GLUT: Herr Fomitschow, Sie sitzen morgens in der Moskauer Metro. Was weiß jeder Fahrgast um Sie herum über Rußland, was ein deutscher Rußland-Schwärmer nicht weiß?

Fomitschow: Daß die meisten von uns ohne Vater groß geworden sind. Bei uns sagt man im Scherz, die typische russische Familie sei eingeschlechtlich: Mutter und Großmutter. In meiner Generation sind sieben, acht von zehn Familien zerbrochen. Wer glaubt, Rußland sei ein Hort der intakten Familie, hat hier nie gelebt.

GLUT: Wo sind die Väter der Generation Putin geblieben?

Fomitschow: Gefallen sind die wenigsten. Man läßt sich scheiden, so einfach ist das. Die Familie wird in Rußland nicht hochgeschätzt, und die Wurzeln liegen in der Sowjetunion. Sowjetrußland hat 1920 als erstes Land der Welt die Abtreibung legalisiert. Stalin hat sie später wieder verboten, aus technischen Gründen, nicht aus moralischen: Man hatte verstanden, daß einem sonst die Bevölkerung als Material ausgeht.

Dann fielen im Krieg Millionen Männer, und die Frauen bauten das Land auf, wie Ihre Trümmerfrauen. Als die Männer zurückka-men, waren die Frauen längst emanzipiert. Gleichzeitig zog der Staat alles an sich, was früher die Familie getragen hatte, die Erziehung ebenso wie die Moral. Übrig blieben zwei, drei atomisierte Menschen. Die Familie, das waren oft die Leute, die sich aus demselben Kühlschrank ernährten. Die Neunzigerjahre haben dann jede verbliebene Bindung aufgelöst.

GLUT: Inzwischen warnt der Kreml selbst, Rußland sterbe aus. Das klingt nach der amerikanischen Abtreibungsdebatte.

Fomitschow: Teilweise, aber im Kern ist es das Gegenteil davon. Anfang der Neunziger gab es fast vier Millionen Abtreibungen in einem Jahr, das ist halb Österreich. Heute ist es ein Zehntel davon, aber eine Abtreibung ist immer noch einfach und wird von der staatlichen Krankenversicherung bezahlt. Mit meiner Generation wendet sich die Situation aber zum Besseren.

In den USA streiten Religiöse und Säkulare darüber, ob ein Embryo eine Seele hat. In Rußland rechnet der Staat aus, daß in zwei Generationen die Arbeitskräfte fehlen, und unternimmt etwas, damit die Maschine weiterläuft. Die Kirche argumentiert ethisch, aber das ist eine Randposition. Rußland ist im Wesentlichen ein technokratischer Staat, kein ideologischer, wie man im Westen glaubt.

GLUT: Wie christlich ist dieses Land?

Fomitschow: Fragen Sie jemanden auf der Straße, ob er Christ ist, wird er Ja sagen. Er meint damit, daß er getauft wurde und ein-, zweimal im Jahr in die Kirche geht, weil alle gehen. Orthodox heißt für viele Menschen einfach russisch. Rußland ist ein post-christliches, posttraditionelles Land. Mit den Jüngeren könnte es allerdings auch in diesem Bereich besser werden.

Wunderland und Feindesland

GLUT: In der AfD und um sie herum erscheint Putin oft als Rächer eines verlorenen Konservatismus, Rußland als Land ohne Regenbogenfahnen. Erleben Sie das auch so?

Fomitschow: Es gibt eine Romantisierung und gleichzeitig eine Dämonisierung, beides verzerrte Bilder. Ich kenne viele deutsche Konservative persönlich, und nur wenige waren je in Rußland. Die Romantisierung hat ihre Wurzeln zum Teil im Erbe der DDR. Viele, die 1989 jung waren, glauben, Gorbatschow habe ihnen die Wiedervereinigung geschenkt, und sie sind den Russen dankbar. Dazu kommt die Erinnerung an die Ära Schröder, als zwischen Deutschland und Rußland alles einfach, billig und bequem war. Für uns war es genauso. In meiner Kindheit galt: Was deutsch ist, ist Qualität.

GLUT: Und das Bild vom christlichen, konservativen Rußland?

Fomitschow: Das läßt sich leicht überprüfen, und vieles stimmt nicht. In dem Land, über das „Compact“ schreibt, habe ich nie gelebt. Dort ist Rußland ein Wunderland, alles sauber und in Ordnung, Gerechtigkeit herrscht, Gemeinschaft, Tradition, starke Institutionen. Daraus folgt dann, Deutschland solle sich an Rußland anlehnen. Was die LGBT-Frage angeht: Ihr wird viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wer homophob ist, ist deshalb noch nicht konservativ.

Ja, bei uns gibt es tatsächlich keine linksliberale Propaganda und auch keine anderen so ausgeprägten Anzeichen eines geistigen Verfalls. Auf den Straßen der Städte herrschen im Großen und Ganzen Ordnung und Sicherheit, die städtische Infrastruktur funktioniert. Das ist ein großes Verdienst und hat großen Wert, das darf man nicht unter-schätzen, insbesondere aus konservativer Sicht. Aus all dem läßt sich jedoch keine politische Schlußfolgerung über die Konser-vativität des ganzen Landes und der ganzen Gesellschaft ziehen.

GLUT: Was macht Rußland dann für deutsche Rechte so anziehend?

Fomitschow: Daß es dort eine funktio-nierende Ordnung und einen Staat gibt, der nationale Interessen hat und sie durchzu-setzen versucht. Ob es die richtigen sind, ist eine andere Frage. Aber diese Kategorie ist in Deutschland seit Langem praktisch verboten. Deshalb blicken viele Konservative auch auf die USA oder Israel.

GLUT: Und die Dämonisierung?

Fomitschow: Die ist sehr alt. Im Ersten Weltkrieg zeigten die Franzosen die Deutschen als Hunnen, die Deutschen sahen in den Russen asiatische Barbaren, und die Russen sagten: Die eigentlichen Barbaren sind die Chinesen. Der Barbar wohnt immer ein Stück weiter östlich. Daraus wurde das Bild eines Landes, das weder kulturell noch ethnisch zu Europa gehört und immer eine Bedrohung bleiben wird. Selbst renommierte deutsche Historiker schreiben heute Büchlein mit fragwürdigem Inhalt, in denen steht, Rußland sei nur dann friedlich, wenn es schwach ist.

Ein Land, das keine Politik wollte

GLUT: Sie haben geschrieben, der stillschweigende Gesellschaftsvertrag zwischen Staat und Bürgern sei zerbrochen. Was war das für ein Vertrag?

Fomitschow: In den Neunzigern stand Rußland mindestens einmal einen Zentimeter vor dem Bürgerkrieg. Dann kam Putin und baute das Machtsystem um. Die Jahre 2000 bis 2008 waren, was den Wohlstand angeht, vielleicht die besten der russischen Ge-schichte. Der Vertrag lautete: Der Bürger hält sich aus der Politik heraus, und dafür läßt man ihn leben, wie er will, in Rußland oder in Europa, mit einer Frau oder mit einem Mann.

Das Volk wollte das selbst. Es hatte genug ideologische Politik gehabt, genug Experimente, genug Tote, genug Elend. Man sehnte sich nach einer starken Hand und war bereit, dafür Freiheiten zu opfern. Wer Hobbes’ Leviathan liest, und das lohnt sich immer, versteht auch einiges über das heutige Rußland. Auch bei Ihnen hieß es unter Adenauer: „Keine Experimente.“

GLUT: Wie funktioniert dieses System? Geheimdienstdiktatur, Oligarchie, alte Nomenklatura?

Fomitschow: Jede dieser Beschreibungen trifft etwas. Es gibt die Kinder der sowjetischen Nomenklatura, die nur die Schuhe gewechselt haben. Es gibt den enormen Einfluß der Silowiki, der Sicherheitskräfte. Es gibt die Oligarchen der Neunziger, von denen Putin einen Teil ausgeschaltet und den anderen kooptiert hat, unter der Bedingung: Mach dein Geschäft, aber nicht gegen den Staat.

Am treffendsten beschreibt es der Politologe Jewgeni Mintschenko mit seinem Modell vom „Politbüro 2.0“. Etwas vereinfacht: Das rus-sische Machtsystem ist ein Konglomerat verschiedener Elitengruppen, die über materielle, mediale, machtpolitische, technologische und gesellschaftspolitische Ressourcen verfügen und um eben diese Ressourcen konkurrieren, während sie zugleich eine geschlossene, netzwerkartige Struktur der Einflußnahme bilden.

Machtausübung zielt in erster Linie darauf, das bestehende Gleichgewicht der Kräfte und Interessen zu erhalten, innerhalb dessen jeder seine eigene Position verbessern kann. Putin steht darüber und balanciert. Wahlen dienen nur als Verifizierungsmechanismus, gemacht wird die Politik in den Kabinetten.

GLUT: Das bekannteste Beispiel für Kooptation ist Tschetschenien.

Fomitschow: Der Vater von Ramsan Kadyrow war im ersten Tschetschenienkrieg Mufti der islamistischen Separatisten, später wechselte die Familie die Seite. Das ist quasi feudal: Der Oberherr lässt dir dein Gebiet, solange du loyal bleibst. In Gebieten wie Tschetschenien funktioniert vermutlich nur das.

GLUT: Nur erfüllt der Staat sein Versprechen nicht. Ein kleiner Kreis ist unermesslich reich geworden, die Masse kaum aufgestiegen.

Fomitschow: Die Krise, die ich meine, hat nichts mit dem Rubel zu tun. Sie besteht darin, daß das Gefühl der Sicherheit verschwunden ist. Die ersten Kriegsjahre hat ein normaler Russe kaum gespürt:

Sanktionen, Visaprobleme, ein schwacher Rubel, das verändert ein Leben nicht radikal. Zeitweise wurde sogar auf Gebieten gekämpft, die schon vor dem Krieg russisch waren, es gab die Mobilmachung, und fast jede zweite Familie kennt jemanden, der gekämpft hat oder gefallen ist. Wenn jede zweite Nacht über meinem Haus Drohnen abgeschossen werden, ändert sich mein Bild von der Welt.

Man rechnet nur noch mit Familie und Freunden, mit horizontalen Netzen, und fragt sich, wie man durch diese Zeit kommt. Die meisten Europäer leben übrigens in der gefährlichen Illusion, der Krieg sei weit weg und komme nie zu ihnen. Allerdings ist das Gefühl der Krise, der Unsicherheit über die Zukunft, auch für die meisten EU-Länder und für die USA charakteristisch. Das ist ein Merkmal unserer Zeit, und wir alle befinden uns auf demselben Weg.

Zwei Länder: Moskau und der Rest

GLUT: Ich habe einmal in Sankt Petersburg gelebt. Schon damals hatte ich den Eindruck, es gebe zwei Russlands: die Eremitage auf der einen Seite, auf dem Land Armut, Alkohol und kaputte Straßen auf der anderen.

Fomitschow: Den Unterschied zwischen Großstädten und Provinz gibt es überall, aber in Russland fällt er besonders deutlich ins Auge. Es sind mindestens drei Welten: die Großstädte, die Provinz und die Dörfer. Moskau ist so teuer wie Berlin, aber schick, sehr sicher und sehr sauber. In Paris oder Berlin kann man davon nur träumen. Für Propaganda ist es immer gut, wenn sie mit der Wahrheit übereinstimmt. Auf dem Dorf dagegen lebt man nicht, man überlebt. Die sowjetische Kollektivierung hat das Dorf als eigenständigen Organismus zerstört, und die Neunziger haben das verdoppelt.

GLUT: Was bedeutet dieses Gefälle für den Krieg?

Fomitschow: Aus den Dörfern melden sich die Männer besonders aktiv an die Front, weil sie eine Prämie bekommen, die sie zu Hause in mehreren Jahren nicht verdienen würden. Von einer Seite betrachtet ist das sogar gerecht: Wer sein Leben riskiert, wird gut bezahlt. Auch die Mobilmachung im Herbst 2022, offiziell 300.000 Mann, traf vor allem Dörfer und Kleinstädte. Viele sind gefallen. Die russische Provinz stirbt aber auch ohne Kriegsverluste aus.

GLUT: Und politisch? Eine grundsätzliche Opposition sehe ich auch in den Städten nicht.

Fomitschow: In den Großstädten ist die Unzufriedenheit höher. Das hat schon Tocqueville beschrieben: Je besser es den Menschen geht, desto eher werden sie revolutionär. Aber von außen lässt sich das System nicht verändern. Jede Veränderung kommt von innen: Eine Gruppe schiebt Leute nach oben, wir bemerken nichts, und plötzlich sitzen dort genug Menschen, die eine andere Richtung wollen. Friedlich gelingt es nur, wenn sie den alten Eliten Leben und Wohlstand garantieren. Jelzin und Putin gelten als Gegensätze, aber die Jelzin-Eliten leben bis heute gut, solange sie sich aus der Politik heraushalten. Und Prigoschins Marsch auf Moskau 2023? Bis heute versteht niemand, was das eigentlich war.

Ein Land an der Weggabelung

GLUT: Putin ist 74. Was kommt nach ihm?

Fomitschow: Ich weiß, wie so ein Satz wirkt, aber für mich ist ein Rußland ohne Putin unvorstellbar. Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil ich es mir nicht vorstellen kann, so wie man sich keinen Krieg vorstellen kann, bevor man im Schützengraben sitzt. Ich kenne viele, die auf verschiedenen Ebenen Teil des Systems sind, und ich höre immer dasselbe: Selbst die obersten Schichten wissen nicht, was danach kommt. Man wünscht sich, daß es schneller geht, und fürchtet sich davor, eine fast schizophrene Lage.

GLUT: Weil alles an einer Person hängt?

Fomitschow: Es ist keine Diktatur und nicht einmal ein personalistisches System, aber eines, das ohne diese Figur nicht denkbar ist. Wenn Putin geht, zerfällt der Staat nicht, aber alles gerät in Bewegung, und es entsteht eine neue Gestalt. Gut möglich, daß viele heutige Kritiker in zehn Jahren mit einem guten Wort an ihn zurückdenken. Paradoxerweise entsteht gerade aus dem Schweigen des Staates ein Raum für Politik, verstanden als Wettbewerb von Zukunftsbildern. Liberal-demokratisch wird er kaum ablaufen, aber unter den Eliten hat er vermutlich schon begonnen. Rußland steht an einer Weggabelung.

GLUT: Wohin könnte der Weg führen?

Fomitschow: Das hängt vor allem von der Außenpolitik ab. Viele verstehen, daß die Abhängigkeit von China lebensbedrohlich werden kann, und wollen aus dieser Sackgasse heraus. Gleichzeitig ist Rußland nicht groß genug, um allein zu bestehen. Ich meine nicht Territorium, sondern Bevölke-rung, Wirtschaft und Technologie. Es geht nur mit einem Partner: China, Europa oder die USA. Diese Frage wird wesentlich mitent-scheiden, welche Gruppe morgen den größten Einfluß hat.

Das Land, das die Deutschen liebt und haßt

GLUT: Hinter Ihnen hängt eine Preußenkarte, daneben Dürers Ritter, Tod und Teufel. Nach dem Vernichtungskrieg, nach Millionen Toten wäre eine Erbfeindschaft naheliegender als Germanophilie.

Fomitschow: Das Verhältnis ist eine Mischung aus Haß und Liebe, nie neutral. Jede russische Familie hat im Krieg jemanden verloren, wie fast jede deutsche. Aber es war immer eine Beziehung auf Augenhöhe. Nehmen Sie Polen: Polen und Russen haben jahrhundertelang um die Herrschaft in Osteuropa gerungen, am Ende hat Rußland gesiegt, und die Polen wurden als minderwertig behandelt.

Die Deutschen dagegen hielten die Franzosen für pervers und hatten Vorbehalte gegen Polen und Engländer, aber die Russen sahen sie nie als niedrigeres Volk, abgesehen von der nationalsozialistischen Ideologie, und nicht einmal alle NS-Ideologen teilten diese Sicht. Vergossenes Blut verbindet. Liebe und Haß entstehen nur zwischen Gleichen. Polen kann ein Russe weder richtig hassen noch richtig lieben. Die Deutschen schon.

GLUT: Wie war das in Ihrer Familie?

Fomitschow: Mein Großvater wurde 1932 geboren, sein Vater fiel im Krieg. Danach besuchte er eine Suworow-Militärschule, die für Kriegswaisen gegründet worden war. Seine Lehrer waren Offiziere, die gegen die Deutschen gekämpft und gesiegt hatten. Ausgerechnet sie haben den Jungen eine enorme Hochachtung vor den Deutschen beigebracht. Das war keine Ausnahme. Ich bin bei meinem Großvater aufgewachsen. Die russische Armee ist übrigens bis heute die einzige europäische Armee, die im preußischen Stechschritt marschiert.

GLUT: Und warum ausgerechnet der deutsche Konservatismus?

Fomitschow: Ich habe mit 21 angefangen, Deutsch zu lernen, ohne deutsche Verwandte, ohne deutsche Schule. Man kann das als Zufall erklären oder ein wenig metaphysisch: Für viele Russen ist Deutschland eine geistige Heimat, so wie für viele Deutsche der Osten. Die Konservative Revolution der Weimarer Zeit ist in Rußland gut erforscht, aber von der Bundesrepublik kannte man keinen einzigen konservativen Kopf.

Mein Doktorvater nannte mir die „Junge Freiheit“, die „Sezession“, Karl-Heinz Weißmann und Götz Kubitschek – und sagte: Mehr weiß ich nicht. So habe ich eine ganze Welt entdeckt, 80 Jahre Geschichte einer interessanten und vielfältigen geistig-intellektuellen Landschaft. Wer tief denkt, landet oft in der Nähe des anderen. Ich habe kürzlich den russischen Philosophen Kon-stantin Leontjew mit Gerd-Klaus Kalten-brunner verglichen. Ein Jahrhundert liegt zwischen ihnen, der eine war orthodox, der andere katholisch, und doch sind sie sich verblüffend nah. Keine andere Nation hat in Rußland diese Anziehungskraft.

Ein Krieg, der für niemanden heilig ist

GLUT: Der Krieg geht ins fünfte Jahr. Ist Rußland kriegsmüde, oder hat man sich in sein Schicksal ergeben?

Fomitschow: Kriegsmüdigkeit steht außer Frage, und das seit langem. Ausnahmen gibt es zwei: durchideologisierte Verrückte, die es in jeder Gesellschaft gibt, und Menschen, die nüchtern ausgerechnet haben, daß sie mit dem Krieg besser leben. Das sind aber Hunderttausende, darunter Soldaten, Zulieferer, Propagandisten auf Telegram, in Rußland wie in der Ukraine und in Europa.

GLUT: Friedrich Merz sagt: „Mr. Putin, stop this war.“

Fomitschow: Leider kann ein Einzelner so einen Krieg nicht einfach stoppen. Es gibt eine enorme Trägheit: materielle Interessen, gegenseitigen Haß und das Gefühl, man habe schon so viel geopfert, daß man es zu Ende bringen müsse. Und es gibt Profiteure von außen. Die ukrainischen wie die russischen Drohnen stammen überwiegend aus China.

Das ist wie eine Twix-Fabrik: Die linke Fabrik produziert für die Ukraine, die rechte für Rußland. Nebenbei erobert China den russi-schen Markt und verdrängt vor allem die deutschen Firmen. Ein Waffenstillstand an der Front würde nichts lösen. Lösen ließe sich das nur durch eine gesamteuropäische Sicher-heitsarchitektur, aber wie sie konkret aussehen könnte, weiß heute niemand. Eine Ordnung ohne Rußland ist eine Ordnung gegen Rußland, und das führt in den nächsten Krieg.

GLUT: Den Befehl zum Einmarsch am 24. Februar 2022 hat Moskau gegeben, nicht Brüssel oder Berlin.

Fomitschow: Putin hat dem Westen oft genug gesagt: Wenn ihr dieses Anschlußspiel mit der Ukraine spielt, gibt es einen Konflikt. Damit mußte man rechnen, und ich denke, genau damit hat man gerechnet. An die moralisierenden Tränen der europäischen Politiker glaube ich nicht. Aber ich rede nicht über Schuld, sondern über die Tragödie, und die gehört dem russischen und dem ukrainischen Volk. Alle anderen sind Mitspieler.

Mein Vater stammt aus Kiew. Hätte ich bei ihm gelebt, wäre ich vielleicht heute ukraini-scher Soldat. Die Familie meiner Frau kommt aus einem Dorf 20 Kilometer von der alten Grenze. Wer Russe ist und wer Ukrainer, ist oft ein Zufall. Stellen Sie sich einen Krieg zwischen der Bundesrepublik und der DDR vor, in dem es Zufall ist, ob man in Magde-burg oder in Hessen aufwuchs. Das Gefühl der Brudervölker ist verschwunden. Wenn Hunderttausende gefallen sind, sitzt die Feindschaft sehr tief.

GLUT: Die Ukrainer würden sagen: Gerade wegen der sowjetischen Vergangenheit müssen wir uns emanzipieren. Hier entsteht eine Nation.

Fomitschow: Die Erzählung von der jungen Nation, die sich gegen ein böses Reich wehrt, habe ich oft gehört, beispielsweise auch von Dieter Stein. Bei allem Respekt, ich fand sie naiv. Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhun-dert. Rußland ist kein Reich, und die Ukraine ist keine Nation, die gerade erst entsteht. Ihre Wurzeln reichen ins 17. Jahrhundert, zum Kosakenhetmanat.

Politisch wurde die Frage erst ab 1850, und einen Staat gab es erst nach 1917. Danach hat ausgerechnet die Sowjetunion mit ihrer Politik der Korenisazija, der „Einwurzelung“, die ukrainische Identität gefördert. Jede Nation ist eine Mischung aus Gewachsenem und Erfundenem. Bei jungen, kleinen Nationen überwiegt das Konstruierte.

GLUT: 1991 stimmten über 90 Prozent für die Unabhängigkeit, auch im Osten eine Mehrheit.

Fomitschow: Die Identität ist gewachsen, und der Krieg kann sie jetzt zementieren. Aber wo liegen ihre Grenzen? Viele der radikalsten Nationalisten, etwa bei Asow, haben Russisch als Muttersprache und stammen aus ostukra-inischen Gebieten. Eine Sprachgrenze wie den Rhein gibt es nicht. Bis 2014, teilweise sogar bis 2022, gab es in Moskau ein Netz russi-scher und ukrainischer Nationalisten, und manche Ukrainer unter ihnen träumten von einem Krieg, weil nur er die Nation stiften könne.

Ideologisch hat das geklappt. Ob es auch praktisch gelingt, bezweifle ich. Eine Identität, die sich aus der Feindschaft zu Rußland speist, birgt Konfliktpotenzial. Stellen Sie sich ein Österreich vor, das sich gegen Deutschland definiert und von Rußland aufgerüstet wird. Ich sehe für die Ukraine jetzt keine andere Zukunft als die eines Landsknecht-Landes, das nie in die EU und nie in die NATO kommt, aber immer als Punkt dient, durch den die Energien der Konfron-tation fließen. Und die meisten europäischen Regierungen haben die bedingungslose Unterstützung der Ukraine zur Achse ihrer eigenen Macht gemacht. Rücken sie davon ab, verlieren sie die Macht.

GLUT: Wie groß ist die Gefahr einer Ausweitung?

Fomitschow: Die amerikanische, die israelische und die russische Armee haben ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Das klingt beruhigend, aber es hat die Ängste genommen, die früher die Politik bremsten. Die Büchse der Pandora ist offen. Ein großer Krieg zwischen Rußland und Europa ist nicht ausgeschlossen, obwohl ihn keiner will, obwohl es dafür eigentlich keine Gründe gibt, die sich nicht ausräumen ließen, und obwohl er für alle katastrophale Folgen hätte. Das ist paradox, aber mehr als realistisch.

GLUT: Was wäre für die Mehrheit der Russen ein Sieg?

Fomitschow: Das, was die Regierung Sieg nennt. Der Mehrheit ist es egal, zwischen welchen zwei zerstörten Dörfern die Grenze verläuft, auf beiden Seiten. Es ist für nie-manden ein heiliger Krieg. Die Männer an der Front kämpfen für sich und den Kameraden neben sich. Und wer zivil lebt, hält sich den Krieg vom Leib. In Moskau sehen Sie Plakate mit den „Helden Rußlands“ und Bilder brennender Häuser, die man gleich wieder vergißt. Der Alltag ist schlechter geworden, aber nicht so schnell, daß man ihn als Katastrophe empfindet.

Das homogene Rußland gibt es nicht

GLUT: Unter deutschen Rußland-Schwärmern gilt Rußland als ethnisch homogen. Zugleich kursieren Videos von Moskauer Straßen voller betender Muslime, und im März 2024 töteten IS-Terroristen in der Crocus City Hall 145 Menschen. Wie groß ist das Problem?

Fomitschow: Über 80 Prozent der Bürger sind Russen, aber rund 15 Prozent sind Muslime, doppelt so viele wie in Deutschland. Die muslimischen Völker im Kaukasus und an der Wolga leben seit Jahrhunderten in Rußland, und man spielt sie oft gegeneinander aus. Mit den Kaukasiern gibt es Spannungen im Alltag, auf der Straße, aber derzeit nicht politisch. Den meisten von ihnen gelingt es, zumindest vorerst und dank staatlicher Maßnahmen, die Gesetze und die Ordnung des russischen Staates anzuerkennen. Das ist ein großer Pluspunkt der Putin-Zeit.

Das eigentliche Thema sind die Millionen junger Männer aus Zentralasien, aus Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisistan. Es gibt kein Visaregime, die Grenze ist praktisch offen. Drei der vier Attentäter von Crocus waren Tadschiken, die kein Russisch sprachen. Hier liegt die größte, tödliche Gefahr.

GLUT: Werden sie integriert?

Fomitschow: Nein, und sie werden auch nicht dazu gezwungen. Sie holen ihre Familien nach. Manche Moskauer Bezirke sind wie Neukölln, und die Schulen sind voller Kinder, die kein Russisch sprechen. Der Unterschied zu Deutschland: Es gibt keinen Sozialstaat für diese Menschen. Sie arbeiten viel und hart und schicken das Geld nach Hause.

Für die Technokraten in der Regierung sind sie wertvoller als viele Russen. Kontrolliert werden sie digital und fast lückenlos, mit einer App samt Standortpflicht. Man kann die Migranten auch als Versuchsgemeinschaft sehen, diese Kontrolle ließe sich ausweiten. In Sachen Digitalisierung lebt Deutschland im Vergleich zu uns ohnehin im Mittelalter.

GLUT: Rußlands Geburtenrate liegt bei 1,4, die polnische mit 1,1 noch unter der deutschen, obwohl Polen als katholisch gilt. Den Hebel, um das umzukehren, hat noch niemand gefunden.

Fomitschow: Für meine Generation ist oft die materielle Frage entscheidend, also das Gefühl der Krise, der Unsicherheit gegenüber der Zukunft, oder eben das Fehlen dieses Gefühls. Wenn ich weiß, daß ich morgen nicht mobilisiert werde, bekomme ich Kinder. Gleichzeitig sind die unter 35-Jährigen religiöser als die Generation meiner Eltern.

Meine Eltern waren so alt wie ich heute, als die Sowjetunion unterging, und plötzlich stand ihnen die ganze Welt mit all ihrem Konsum offen. Das hat die Köpfe verdreht. Wir kennen den Mangel nicht. Trotzdem ist die Tendenz eindeutig: Die russisch-ortho-doxe Bevölkerung schrumpft, schneller als die deutsche. Es gibt einen demografischen Norden, zu dem auch China und Japan gehören, und einen Süden, der drängt. In Westeuropa sind viele Migranten übrigens Christen aus Afrika oder Lateinamerika. In Rußland aber ist Migration vor allem mit dem Islam verbunden.

GLUT: Sie sprechen von „Ersatzmigration“. In der deutschen Rechten ist der Begriff mit der Erzählung vom „Großen Austausch“ verbunden, der Vorstellung, die Bevölkerung werde planvoll ersetzt.

Fomitschow: In Rußland ist das Phänomen nicht ideologisch, sondern technokratisch. Der Staat sagt: Wir brauchen 100.000 Fachkräfte. Bekommen wir sie durch Geburten? Nein. Dann holen wir sie aus Zentralasien. In Deutschland hat Migration dagegen vor allem eine ideologische Ausprägung, die mit der Bewältigung der Vergangenheit verknüpft ist.

Das russische Modell ist schwerer umzu-kehren, weil sich objektive Prozesse schwerer wenden lassen. Aber seine Gegner haben ein technisches Argument: Robotisierung statt Migration. Und in den Sicherheitsdiensten ist der radikale Islam selbst mitten im Krieg das Thema Nummer eins.

GLUT: Was folgt daraus?

Fomitschow: Ein Konservativer muß den Ernstfall durchdenken. Wenn die Nationen der europäischen Kultur, die Russen einge-schlossen, dem Druck aus dem Süden nicht allein standhalten, bleibt nur eine nördliche Festung, die Rußland und Europa gemeinsam schützt.

GLUT: Ausgerechnet Rußland hat 2021 Migranten über Belarus an die polnische Grenze geschleust.

Fomitschow: Das ist ein Druckmittel, ja. Und die EU will illegale Migranten nach Zentral-asien abschieben, von wo sie wieder zu uns kommen. Ein Kreislauf. Militärisch, wirt-schaftlich und ideologisch stehen Rußland und Europa gegeneinander. Demografisch gehen wir in dieselbe Richtung. Auf Deutsche, Russen, Polen und Franzosen wartet dasselbe Schicksal: eine Zukunft, in der es unsere Völker als Träger einer Kultur, einer Religion, bestimmter Sitten nicht mehr gibt.

Abbildung zu „„In dem Russland, über das Compact schreibt, habe ich nie gelebt““

Putin als Profiteur der orthodoxen Kirche? Fomitschow beschreibt eine Entfremdung von Religion – aber die heimliche Herrschaft von Putins Gefolgsleuten. (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Russian President official apa)

GLUT: Gibt es einen Ausweg?

Fomitschow: Einen globalen Ausweg sehe ich nur in einem friedlichen Zusammenleben Rußlands mit einem geeinten Europa, in einem Großeuropa. Drei Fragen stellen sich am schärfsten. Erstens die Sicherheit, denn Sicherheit ist unteilbar. Zweitens eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die für beide Seiten lebensnotwendig ist. Drittens eine gemeinsame Antwort auf den demografischen Druck aus dem Süden. Diese dritte Frage wird die Hauptfrage unseres Jahrhunderts sein.

Quelle: https://www.glut-magazin.de/artikel/fomitschow-interview

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